Kommentar: Augen zu und durch

Stephan von Voithenberg

Siemens verscherbelt mit SEN und SHC die letzten Überbleibsel der einstigen "Com"-Sparte

von Stephan von Voithenberg, Redakteur Telecom Handel

Schluss. Aus. Vorbei. Siemens-Chef Peter Löscher hat mit dem Verkauf der beiden Geschäftsbereiche SEN (Telefonanlagen) und SHC (Gigaset-Produkte) nun zu Ende gebracht, was bereits unter seinem Vorgänger Klaus Kleinfeld begonnen wurde. Gemeint ist der endgültige Ausverkauf der so traditionsreichen einstigen "Com"-Sparte, die früher als Aushängeschild von Siemens das Rückgrat des gesamten Konzerns bildete.
Das TK-Geschäft beim Münchner Elektronikkonzern ist damit Geschichte; was bleibt, ist eine tiefe Verunsicherung bei den Mitarbeitern der betroffenen Abteilungen, die nun in eine ungewisse Zukunft blicken. Denn den Zuschlag für SEN und SHC erhielten einmal mehr sogenannte Finanzinvestoren, die für gewöhnlich bei der Restrukturierung von Unternehmen nicht gerade zimperlich zu Werke gehen - und nur selten langfristige Interessen verfolgen.
Da mag Siemens-Finanzchef Joe Kaeser noch so gebetsmühlenartig die vermeintlichen Qualitäten der Käufer lobpreisen: Letztendlich haben Beteiligungsgesellschaften nur ein übergeordnetes Interesse - Gewinnmaximierung bei größtmöglicher Kosteneffizienz. Die Ängste der Angestellten sind daher verständlich - und sie gehen einher mit einer Verunsicherung im Fachhandel. Denn ob sich beispielsweise hinter der Premium-Marke Gigaset in einigen Jahren vielleicht nur noch chinesische Billigware verbirgt, mag heute noch niemand vorhersagen.

Doch das Ende der "Com"-Sparte hat noch zwei weitere Aspekte, die nachdenklich stimmen: Zum einen steht es stellvertretend für eine neue ökonomische Handlungsweise, die im Spannungsfeld von Globalisierung und Shareholder Value jegliche Ansätze von Kontinuität und Werteverbundenheit vermissen lässt. Zum anderen macht es deutlich, wie durch Managementfehler in der Vergangenheit der Niedergang einer ehemals hoffnungsvollen Sparte förmlich heraufbeschworen wurde. Denn wie lässt es sich sonst erklären, dass ein sonst hochprofitabler Konzern wie Siemens in den letzten Jahren nicht mehr in der Lage war, sein TK-Geschäft erfolgreich auszurichten?
Insgesamt kann man sich im Nachhinein des Eindrucks nicht erwehren, dass das komplette TK-Segment letztendlich als Konsequenz der - oft auch hausgemachten - Probleme allzu leichtfertig auf dem Altar der neuen Renditevorgaben geopfert wurde. Allein die finanziellen Zugeständnisse, die Siemens den Käufern der einzelnen "Com"-Bereiche eingeräumt hat, sprechen in diesem Zusammenhang Bände. Frei nach dem Motto: "Augen zu und durch - Hauptsache weg damit." Was bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack - und das Gefühl, dass hier leichtfertig Chancen vertan wurden. Denn Potenzial und Know-how waren bei Siemens immer reichlich vorhanden.
Lesen Sie hierzu auch den großen Hintergrundartikel, eine Auswahl an Leserbriefen sowie ein Statement von Dieter Cifrain , Vertriebsleiter Deutschland bei SHC

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