Kommentar: Der Preis ist zu heiß

Boris Boden

Einige Handy-Hersteller trudeln sehenden Auges in eine Krise

Kommentar zum Artikel "Marktreport Handy-Hersteller"

Wenn jemand seine eigene Scheibe einschmeißt und sich hinterher darüber beschwert, dass es zieht, wird man zu Recht wenig Mitleid empfinden. Groß ist das Jammern auch in der Handy-Welt, und es könnte sich bald zum Fortissimo steigern. Denn noch wachsen die Stückzahlen, doch die Erträge sinken schon seit einer Weile und könnten bei einem Nachlassen der Nachfrage in Entwicklungsländern abstürzen. Einzelne Firmen wie Motorola oder seit kurzem auch Sony Ericsson haben bereits eine hand-feste Ertragskrise.
Die Gründe sind vielfältig: Gerne verweisen die Unternehmen auf die schwache Konjunktur in Westeuropa und Japan sowie die gesättigten Märkte. Das leuchtet teilweise ein, zumal es bei steigenden Lebenshaltungskosten auch für Deutsche einfach ist, beim Handy-Kauf zu sparen oder das alte Gerät weiter zu benutzen. Doch das Beispiel iPhone zeigt, dass man auch in schlechteren Zeiten Geld verdienen kann, wenn das Produkt stimmt. Schließlich sind die Europäer auch nicht schlagartig kollektiv verarmt.
Die Wahrheit über die Probleme ist wohl komplexer und in der Branche selbst begründet. Denn es gehen den Herstellern vor allem Argumente aus, warum Kunden eigentlich teure Handys kaufen sollen. Schon ab rund 100 Euro gibt es heutzu-tage ausgezeichnete Geräte mit einer guten Ausstattung im Prepaid-Paket. Wer einen Vertrag abschließt, hat für einen symbolischen Euro eine riesige Auswahl, in der sich selbst etwas ältere Smartphones und Oberklasse-Telefone tummeln. Da es die meis-ten Hersteller inzwischen schaffen, dass auch sehr günstige Handys nobel aussehen und nicht mehr wie aus dem Kaugummiautomaten, entfallen auch Prestigegründe. Mit dem gnadenlosen Preiskampf graben sich manche Marken langfristig selbst das Wasser ab. Es mag ja verlockend sein, einstige Bestseller im Prepaid-Pack zu verramschen, doch am -Ende machen sie vor allem den Nachfolgern Konkurrenz. Das beste Beispiel dafür ist wohl Motorolas Razr, das in seinem langen Leben -alles - vom Luxusartikel bis zum Wühltisch - erdulden musste.
Fernhalten können sich von diesem Preistreiben nur wenige. Wer Produkte wie das iPhone oder einen BlackBerry hat, kann sich glücklich schätzen. Auch LG hat es geschafft, mit modischen Handys und edlen Materialien ein neues Image zu erreichen, das höhere Preise rechtfertigt. Marktführer Nokia verzichtet zwar darauf, einzelne Modelle radikal im Preis zu senken, geht aber bei Neuerscheinungen, die preissensible Zielgruppen ins Visier nehmen, auch gerne einmal an die Schmerzgrenze. Lachen könnten am Ende vor allem Firmen aus China wie Huawei oder ZTE, denn die können am billigsten. Ihr größtes Manko, das fehlende Image, spielt eine immer geringere Rolle, wenn die Etablierten selbst auf billig machen.

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