Kommentar: Von der Realität geweckt
30.05.2008
Pläne zu Mobile TV gibt es viele - doch mit dem DVB-T-Handy hat LG endlich Fakten geschaffen
Ein Geschäftsmodell gerät in höchste Not: Alle, die glaubten, mit Fernsehen auf dem Handy sei viel Geld zu verdienen, erwachen in diesen Tagen unsanft aus ihren Träumen. Da verkündet das Konsortium Mobile 3.0 seit Monaten einen potenziellen Wachstumsmarkt, auf dem Werbeerlöse und Nutzungsentgelte fließen würden. Der Plan schien perfekt, als die Gruppe beim Kampf um die Lizenz des Sendebetriebs auch noch die drei konkurrierenden Netzbetreiber schlagen konnte.
Doch das dürfte ein Pyrrhussieg gewesen sein, denn die erfolgsgewohnten Herren der Netze waren offenbar sauer und strichen DVB-H erst mal von der technologischen Agenda, statt mit dem neuen Player Mobile 3.0 zu kooperieren. So steht der Betreiber des TV-Netzes erst einmal ohne Abnehmer da. Vielleicht hoffte man bei Mobile 3.0, dass die Zeit für das eigene Modell, zu dem es ja eigentlich keine Alternative gab, arbeiten würde.
Doch dann platzte im Frühjahr die Bombe: LG kündigte auf der CeBIT ein erstes Handy mit der DVB-T-Technologie an und bringt es in diesen Tagen ohne Verzögerung tatsächlich auf den Markt. Offenbar hatten einige in der Handy-Welt nicht mit einem solchen Coup gerechnet, denn bisher galt die Technologie für mobile Endgeräte als weniger geeignet. Auch der Marktführer Nokia setzt auf DVB-H.
Die Koreaner landen wohl einen Volltreffer, denn sofort haben alle vier Netzbetreiber und die Service Provider das Gerät rechtzeitig zur Fußball-EM ins Programm genommen. Der Test des HB620T in dieser Ausgabe (Seite 18) zeigt zudem, dass das TV-Handy durchaus gut funktioniert. Da der Kunde außer dem Einschalten des Geräts nicht mehr viel machen und vor allem zahlen muss, könnte DVB-T im Handy jetzt also Erfolg haben.
Damit prophezeit Vodafone-Chef Friedrich Joussen bereits den kostenpflichtigen Betreibermodellen den Untergang. Denn was wollen sie noch mehr bieten? DVB-T hat mehr als 15 Programme, eine gute Netzabdeckung vor allem in Ballungsgebieten und Komfortmerkmale wie den elektronischen Programmführer. Bereits der Erfolg der Technologie als Ersatz für das terrestrische Fernsehen hat gezeigt, dass die meisten Anwender nicht mehr wünschen. Ein Mehrwert könnte nur in besonderem Content bestehen, der angesichts des starken Kostenlos-Angebots deutscher TV-Sender aber rar und teuer ist. -Außerdem bleibt die Frage, wer -solche Dienste vermarkten soll, wenn die Netzbetreiber jetzt voll auf DVB-T setzen.
Die Hoffnung der DVB-H-Welt könnte höchstens in einer politischen Entwicklung liegen, denn sowohl die EU-Kommission als auch der Marktführer Nokia setzten auf die mobile Technologie. Nur wird auch Brüssel nicht den Einbau eines DVB-T-Moduls verbieten wollen und können. Das wird vielleicht -sogar Nokia zum Umdenken bewegen, denn technisch werden die -Finnen wohl auch DVB-T umsetzen können. Damit wäre Handy-TV aber endgültig einem Wandel unterzogen: vom Geschäftsmodell zum bloßen Ausstattungs-Feature im Telefon. Das ist ein echter Alptraum für die Betreiber. Aber die Hardware-Industrie und auch der Fachhandel dürfen sich über ein neues Verkaufsargument freuen.
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