Kommentar: Wer frei von Schuld ist...

Stephan von Voithenberg

In Frankfurt klagen 16.000 Kleinaktionäre gegen die Telekom - aus zweifelhaften Motiven

Laut Lexikoneintrag versucht absurdes Theater die Unsinnigkeit der Welt und den darin verlorenen Menschen darzustellen. So viel zur Theorie. Wer sich lieber praktisch in die Thematik einarbeiten möchte, braucht einfach nur nach Frankfurt zu reisen. Dort ist derzeit ein juristisches Spektakel in Gange, wie es die TK-Branche so noch nie gesehen hat. 16.000 zornige Kleinaktionäre - vertreten durch 900 Rechtsanwälte - stehen der Deutschen Telekom in -einem Mammutprozess unversöhnlich gegenüber. Und es geht emotional zur Sache: Die Kläger sehen sich durch den Wertverfall der T-Aktie um ihre Altersvorsorge betrogen - und wollen das Telekom-Management dafür mit allen Mitteln zur -Rechenschaft ziehen.
Der konkrete Vorwurf: Während des dritten Börsengangs im Sommer 2000 soll die Konzernführung in ihrem Börsenprospekt wichtige Details unterschlagen haben - dadurch sei nicht nur die angespannte wirtschaftliche Situation im Unternehmen verschleiert, sondern auch der Kursabsturz (mit-)verursacht worden.
Ein Vorwurf, der - bei allem Verständnis für die schmerzhaften finanziellen Verluste der Aktionäre - gerade vor dem historischen Hintergrund doch ein wenig grotesk anmutet. Denn auch wenn viele Kläger heute vielleicht nicht mehr daran erinnert werden wollen - aber um die Jahrtausendwende erlebte die TK-Branche einen bis dahin nicht gekannten Schub, der sowohl bei den Unternehmen als auch bei den Aktionären vor allem eines auslöste: Gier. Unternehmen wollten Wachstum generieren mit allen Mitteln - und Aktionäre mehr Rendite und am besten tägliche neue Kursrekorde. Egal ob Supermerger, UMTS-Aktion oder Sponsoring-Wahnsinn - solange nur der Depotauszug stimmte, wurde jede Aktion von den Shareholdern händeklatschend abgenickt.
Dass eine solche Entwicklung endlich sein muss, das wollte niemand wahrhaben. Selbst als bereits ein leichtes Zittern an den Börsen zu vernehmen war und die Kurse ins Minus drehten, hielten fast alle -Aktionäre - in der Hoffnung auf weitere finanzielle Höhenflüge - krampfhaft an ihren Papieren fest. So auch die T-Aktionäre. Dabei -befand sich bereits die TK-Branche in einer Krise, die nahezu alle dort aktiven Unternehmen erfasst hatte. Sogar Vorzeigekonzerne wie Nokia, die selbst in diesen schwierigen Zeiten noch satte Gewinne erwirtschaften konnten, mussten im Laufe der Zeit extreme Kursabschläge ihrer Wertpapiere hinnehmen. Keine Frage: Die Blase war geplatzt. Und viele Aktionäre - noch benommen von den enormen Kurszuwächsen der vergangenen Jahre - wachten plötzlich mit schweren Kopfschmerzen auf, weil sie von einer globalen wirtschaftlichen Krise aus allen Träumen gerissen worden -waren.
Nach heutiger Ansicht der T-Aktionäre soll vor allem die Telekom selbst für den hohen Kursverfall der vergangenen Jahre verantwortlich gewesen sein. Doch auch wenn es Verfehlungen der Manager gegeben haben sollte, ist doch eines klar: Viele Anleger hatten im Börsenrausch schlichtweg die Risiken ausgeblendet, die mit Aktiengeschäften nun einmal verbunden sind. Nun die Schuld für die eigenen Verluste ausschließlich bei den anderen zu suchen, mutet fast schon ein wenig albern an.

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