Zoom-Fatigue
05.07.2021, 11:30 Uhr

Die unerträgliche Müdigkeit des „Im-Meeting-Seins“

Deutschland ist krank: Die Zoom-Fatigue breitet sich mit ungeahnter Geschwindigkeit in Büros und Homeoffices aus.
(Quelle: Girts Ragelis/Shutterstock)
Eigentlich kann sich ein Unternehmen oder Hersteller freuen, wenn sein Produkt in einem geflügelten Wort zum Einsatz kommt. Bei Zoom dürfte es jedoch anders sein, denn seit vergangenem Jahr sprechen die meisten Menschen von einer Zoom-Fatigue, wenn sie von den vielen Videokonferenzen im Job ermüdet, erschöpft und nicht selten auch genervt sind. Der Segen der schönen neuen Technikwelt und der einfachen Möglichkeit, Meetings durchzuführen, ist gleichzeitig auch ein Fluch – vor ­allem für die Mitarbeiter.
Schon reguläre Treffen vor Ort im Büro sind anstrengend – unabhängig vom Thema oder den Teilnehmern. Nach ­einer gewissen Zeit lässt die Aufmerksamkeit spürbar nach, egal ob die PowerPoint-Präsentation spannend wie ein Hollywood-Blockbuster ist oder so langweilig wie der jährliche Treff des örtlichen Briefmarkenclubs. Dasselbe gilt auch für virtuelle Meetings. Das Institut für Beschäftigung und Employability (IBE) hat gemeinsam mit der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen in einer Umfrage herausgefunden, ­­dass sich die sogenannte Zoom-Fatigue vor allem in einem Nachlassen der Konzentra­tionsfähigkeit äußert, aber auch in Form wachsender Ungeduld.
Quelle: IBE, Telecom Handel

Rund drei Viertel der Befragten sehen vor allem die lange Dauer der Meetings als größtes Problem, aber auch fehlende Pausen. Ursache für die hohe Frequenz ist die einfache Planbarkeit von virtuellen Treffen: Für Präsenztermine muss ein Raum verfügbar sein, Mitarbeiter verschiedener Stand­orte müssen anreisen und so weiter. Für ein Teams-Meeting reicht ein Blick in den Kalender der Kollegen, und mit einem Klick ist der Termin angesetzt. Hinzu kommt, dass viele Online-Meetings wenig strukturiert ablaufen und so bis zum ersten Tagesordnungspunkt erst einmal etwas Smalltalk geführt wird – auch, weil die Möglichkeit hierfür, etwa durch das zufällige Treffen in der Kaffeeküche, wegfällt. Zudem fällt es vielen Menschen schwer, sich in der Sicherheit der eigenen vier Wände voll auf ein virtuelles Meeting zu konzentrieren. Da wird nebenbei auf Amazon gesurft oder, bei ausgeschaltetem Video, auch mal eben die Wäsche vom Wochenende gebügelt. Die Verbindlichkeit eines Treffens vor Ort fehlt, und damit auch das zielgerichtete Arbeiten. So sind mehr Meetings erforderlich – ein Teufelskreis.

Weniger ist oftmals mehr

Einfach öfter mal abschalten, bevor einen die Zoom-Fatigue erwischt
Quelle: GingerKitten/Shutterstock
Doch wie kann man das Entstehen dieses neuen Erschöpfungssyndroms schon von vornherein verhindern? Ein wesentlicher Punkt ist die Strukturierung von Meetings mit vorher festgelegter Agenda und eindeutig zugewiesenen Aufgaben für die Teilnehmer. Eine aktivierte Kamera ist Pflicht, nur so ist eine Fokussierung gewährleistet. Und: Vor der Einberufung eines Online-Treffens sollte man sich fragen, ob tatsächlich alle Kollegen dabei sein müssen. Kleinere Gruppen oder sogar Zweiergespräche sind ungleich effektiver und führen zu besseren und vor allem schnelleren Ergebnissen. Grundsätzlich gilt aber bei Meetings über Zoom, Teams und Co. dasselbe wie bei „echten“ Treffen: Weniger ist oftmals mehr.