Huawei 12.08.2019, 12:23 Uhr

Alles Wissenswerte zum Betriebssystem HarmonyOS

Huawei hat auf seiner Entwicklermesse HDC 2019 im chinesischen Dongguan sein neues, geräteübergreifendes Betriebssystem HarmonyOS vorgestellt. Das erste Gerät mit der neuen Software wird der SmartTV Honor Vision sein.
(Quelle: Huawei )
HarmonyOS ist ein geräteübergreifendes Huawei-Betriebssystem. Es kann, designtechnisch angepasst auf den Formfaktor des Endgerätes, dank seines modularen Aufbaus auf verschiedene Endgeräte aufgespielt werden. Den Tempovorteil bezieht das OS aus seiner Aufgabenpriorisierungsfunktion und immer dann, wenn es zu einer Interaktion mit anderen HarmonyOS-Geräten kommt. Zweiter wichtiger Pfeiler: HarmonyOS ist Open-Source-basierend, so wie auch das "nackte", unangepasste Google-Android-Betriebssystem. Gerade deshalb ist es für App-Entwickler interessant, die für das Betriebssystem entsprechende Apps entwickeln können.
HarmonyOS kann auf verschiedensten "smarten" IT-Geräten/-Segmenten zum Einsatz kommen. Zu den wichtigsten Gerätetypen zählen Wearables, Smartphones, die komplette Autosensorik, SmartTVs, SmartWatches oder auch Netzwerkkameras.

Erstes Gerät mit HarmonyOS ist ein SmartTV

Der Honor Vision ist das erste Gerät, das mit Huaweis neuem Betriebssystem HarmonyOS an den Start gehen soll.
Quelle: Huawei
Beim ersten HarmonyOS-Produkt wird es sich um einen Mittelklasse-SmartTV, den Honor Vision handeln. Den 55 Zoll großen LCD-Bildschirm (ca. 140 cm Bilddiagonale) wird es zusätzlich in einer Pro-Version mit einer Full-HD-Kamera und doppeltem Speicherausbau (32 GB statt 16 GB) geben. Zur weiteren Ausstattung beider Modelle gehören ein USB-3.0-Port, drei HDMI-2.0-Schnittstellen, WLAN-n/-ac, und eine integrierte Gestensteuerung. Angetrieben wird das Modell vom Chip Honghu 818, einem Achtkernprozessor. Mit größter Wahrscheinlichkeit wird der HarmonyOS-Fernseher allerdings nur in China respektive im asiatischen Raum auf dem Markt erscheinen. Geplant ist der Verkaufsstart noch im August 2019. Für das nächste Jahr sind erste SmartWatches und Wearables mit dem Betriebssystem geplant.
Die Entwicklung des eigenen OS von Huawei war deshalb vonnöten, da ein Szenario drohte, wonach diverse US-Unternehmen wie Google nicht mehr mit Huawei zusammenarbeiten dürfen. Die US-Regierung hatte Peking und Herstellern aus dem Reich der Mitte Spionage vorgeworfen und schränkte den Handel mit China massiv ein. Auch Google beugte sich den Restriktionen und kündigte vor einigen Wochen an, Huawei künftig den Zugang zu Android nicht mehr zu gestatten. Nutzer von Huawei-Geräten, die bereits in Gebrauch sind, müssen sich vorläufig dennoch keine Sorgen machen. Wenn die US-Regierung am 19. August dieses Jahres ihr Vorhaben in die Tat umsetzt und den Google-Support für Huawei-Produkte untersagt, hat das zunächst keine Auswirkungen auf aktuell verwendete Geräte. Diese sollen noch für mindestens ein Jahr weiterhin mit Android-Updates und App-Aktualisierungen versorgt werden. Danach ist jedoch voraussichtlich Schluss.
Huawei hat angekündigt, dass man danach in der Lage sei, das eigenes Betriebssystem HarmonyOS auf die entsprechenden Endgeräte aufzuspielen. Das Unternehmen rechnet dabei zwar mit Einbußen, allerdings sieht sich der Hersteller nach etwa ein bis zwei schwierigen Jahren wieder in einem sehr gut erholten Zustand, aus dem man stärker hervorgehen werde. Außerdem hat Huawei zumindest in Aussicht gestellt, bereits angekündigte, aber noch nicht (bis zum 19. August) auf dem Markt befindliche Smartphones sofort mit HarmonyOS ausstatten zu könnte, um eine reibungslose Produktveröffentlichung pünktlich zu gewährleisten. Dann könnte das neue Spitzenmodell Mate 30 Pro, das im das dritte Quartal 2019 an den Start gehen soll, theoretisch mit HarmonyOS ausgestattet sein.

Mit Android kompatibel

Ab dem Huawei P20 (ab Kirin-970-Chip), bis zum Top-Modell P30 Pro kann HarmonyOS installiert werden.
Quelle: Huawei
Interessant ist außerdem, dass HarmonyOS laut Huawei zu 100 Prozent mit anderen Huawei-Geräten, die mit Android laufen, kompatibel sein. Das schließt laut Hersteller auch bestehende Apps ein. Allerdings wird den Huawei-Geräten der Zugang zum Play Store von Google verwehrt werden. Das bedeutet, Benutzer müssen sich eigenständig darum kümmern, bereits installierte Software auf einem aktuellen Stand zu halten, und sie etwa bei Drittanbietern herunterladen. Das ist insofern wichtig, da mit neuen Updates in der Regel immer auch Sicherheitslücken geschlossen werden.
Bestandteil von HarmonyOS wird wohl eine eigene App-Sammlung (wie bei Android Maps, Gmail, Youtube Play Musik, Drive und so weiter) sein. Hier muss man aber genau hinsehen, da sich Huawei-Smartphones im asiatischen und europäischen Raum deutlich voneinander unterscheiden. Nur ein Beispiel dazu: Wird in HarmonyOS etwas eine Navigations-App Bestandteil sein, stellt sich die Frage, woher Huawei die dahinterliegenden Verkehrsdaten/Live-Informationen bezieht. Huawei-Geräte auf dem chinesischen Markt benutzen Dienste wie etwa Google Maps nicht, sondern eigene, lokale Straßen-Apps. Für europäische Nutzer hingegen ist Maps ein zentraler, unverzichtbarer Bestandteil ihres Handys.

HarmonyOS ist nur Plan B

Huawei hat gerade auf der Entwicklermesser HDC 2019 mehrfach bekräftigt, dass man an Android für die Smartphones unbedingt festhalten will, aber auch, im Fall der Fälle, für einen "Plan B" gewappnet sei. HarmonyOS (für Smartphones) ist dabei der zentrale Bestandteil. Die systemübergreifende Software ist aber weitaus mehr, und durchaus auch als Kampfansage zu betrachten. Denn damit schwingt sich der chinesische Technologie-Gigant in Regionen von Apple und eben auch Google auf. Beide amerikanischen Unternehmen treten weltweit als Multi-Device-Anbieter (für Hardware-Produkte, Betriebssystem und App-Dienste) auf, und beherrschen diesen Markt. 
Im ersten Schritt wird Huawei, wie bereits erwähnt, mit HarmonyOS 1.0 im Smart-TV-Produkt Honor Vision noch in diesem Monat eingesetzt. Ein Jahr später, also 2020, werden, nach Wunsch von Huawei, weitere smarte Geräte wie Wearables, Sicherheitskameras, IoT-Geräte und Head Units (Sensoren und Navigationselemente) in Autos unterstützt. Die terminliche Planung der Open-Source-Software bewegt sich dabei insgesamt über einen Zeitraum von drei Jahren.

Sicherheit für Endanwender

HarmonyOS ist Open-Source-Software und damit plattformoffen.
Quelle: com! professional
Endanwendern, die ein aktuelles Gerät des chinesischen Herstellers verwenden, bietet das neue Betriebssystem Sicherheit. Und zwar genau dann, wenn Google nach einem Jahr Support die Leinen kappt. Nutzer, die sich hingegen neu ein Huawei-Gerät kaufen, sofern es mit HarmonyOS ausgestattet ist, dürften vom gesamten HarmonyOS-Ökosystem profitieren, sofern die Ankündigungen zutreffen: verbessertes Tempo, optimierte Resourcenzuweisung und Energieeffizienz. Je mehr Geräte dabei mit HarmonyOS ausgestattet sind, desto stärker könnten sich die erwähnten drei Faktoren auf die gesamte Infrastruktur im Haushalt auswirken.
Nach wie vor problematisch dürfte aus Sicht von Huawei der Komponenten-Support für Bauteile von Smartphones, Wearables, Smartwatches und Fernsehern sein. Smartphone-CPU-Designer ARM hat die Zusammenarbeit mit Huawei aufgekündigt und die Lizenz entzogen. Übrigens müssen auch Chiphersteller wie Intel, Qualcomm und Broadcom auf Geheiß der US-Regierung die Geschäfte mit Huawei beenden. Hier liegt es an Huawei, schnellstmöglich neue Geschäftspartner zu finden, die ein Austrocknen der Chipbestände verhindern.

Des einen Leid dürfte aber diesmal auch das Leid des anderen sein. Denn wenn Huawei keine Chips und Lizenzen mehr benutzen kann, fehlt auch den amerikanischen Firmen der Umsatz. Zumal fraglich ist, ob die US-Unternehmen andere Geschäftspartner in dieser Volumengröße finden werden.



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