Milliardeninvestition
04.02.2026, 17:51 Uhr
Telekoms KI-Fabrik geht in München in Betrieb
Sechs Monate Bauzeit, eine Milliarde Euro: Die Deutsche Telekom hat die Industrial AI Cloud eröffnet und steigert damit Deutschlands KI-Rechenleistung um 50 Prozent. CEO Tim Höttges nutzte die Eröffnung für klare Forderungen an die Politik.
Bei der Inbetriebnahme der ersten deutschen KI-Fabrik für industrielle Anwendungen in München: T-Systems-CEO Ferri Abolhassan, Telekom-Chef Tim Höttges, Oberbürgermeister Dieter Reiter, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil
(Quelle: Telekom)
Die Deutsche Telekom hat vollbracht, was in der Branche als nahezu unmöglich gilt: In nur sechs Monaten eine der größten KI-Fabriken Europas hochziehen. Während Deutschland wirtschaftlich kämpft und Europa technologisch hinterherläuft, macht der Bonner Konzern Tempo – und wird vom Netzbetreiber zum Fabrikanten digitaler Infrastruktur.
„Wir reden nicht, die Telekom macht“, betonte CEO Tim Höttges. Im Beisein hochrangiger Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft – darunter Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter – nutzte Höttges die Veranstaltung für eine leidenschaftliche Rede mit klaren Botschaften an die Politik. „Wir investieren in KI, in den deutschen Standort und in Europa.“ Ja, er habe in der Nacht vor der Eröffnung schlecht geschlafen, gestand er. Aber nicht aus Sorge, sondern weil das Projekt die Telekom in einen „Start-up-Modus“ versetzt habe, der für den Konzern alles andere als normal sei.
Eine Milliarde Euro in sechs Monaten
Die Zahlen sind beeindruckend: Rund eine Milliarde Euro Investitionsvolumen, 10.000 NVIDIA Blackwell-GPUs der neuesten Generation, 0,5 Exaflops Rechenleistung, 20 Petabyte Speicherkapazität. Damit steigert die Anlage die KI-Rechenleistung in Deutschland laut Angaben der Telekom auf einen Schlag um etwa 50 Prozent.
Im internationalen Vergleich wirken 10.000 GPUs allerdings überschaubar. Unternehmen wie xAI, Meta oder Amazon Web Services betreiben Rechenzentren mit mehreren Hunderttausend Chips. Höttges stellte klar, dass dies nur der Anfang sei: „Wir wollen nicht 10.000 GPUs, wir wollen nicht 20.000 GPUs“, sagte er mit Blick auf die geplante Expansion. Die „German AI Gigafactory“ soll langfristig 100.000 GPUs umfassen. Doch das hänge von den Rahmenbedingungen ab, die die Politik schaffen müsse.
Telekom-Chef Tim Höttges bei der Eröffnung der KI-Fabrik in München
Quelle: Telekom
Der Trick: Statt auf der grünen Wiese neu zu bauen, modernisierte Polarise ein bestehendes Rechenzentrum, das sechs Stockwerke in die Tiefe reicht. „Wer würde heute noch ein Datencenter sechs Stockwerke tief in den Boden bauen?“, fragte Höttges. „Die Planfeststellungsverfahren würden wahrscheinlich Jahrzehnte dauern.“ Etwa 150 LKW-Lieferungen brachten die Ausrüstung nach München, 75 Kilometer Glasfaserkabel wurden verlegt. Das Rechenzentrum wird aus erneuerbaren Energien betrieben, die Abwärme soll künftig das gesamte Quartier Tucherpark heizen. Ein modernes Kühlkonzept nutzt Wasser aus dem nahegelegenen Eisbach.
„KI ist der Rettungsanker für die deutsche Industrie“
Höttges machte unmissverständlich klar, worum es geht: „KI ist nicht eine Chance. KI ist der Rettungsanker für die deutsche Industrie.“ Seine Argumentation: Deutschland erwirtschaftet 767 Milliarden Euro in der Industrie. Jeder Euro dort generiert 4,70 Euro an neuer Wertschöpfung in der Gesamtwirtschaft. Das Problem: Deutschland habe zwar mit „Industrie 4.0“ das Konzept einer vernetzten, datengesteuerten Produktion erfunden. „Aber wir haben es nicht umgesetzt“, so Höttges. „Weil wir das Thema Cloud, weil wir das Thema künstliche Intelligenz nicht verknüpft haben mit dem Konzept.“
Jetzt gelte es gegen massive Konkurrenz aufzuholen. Sowohl die USA als auch China setzten auf hochautomatisierte, KI-getriebene Industrie. „Das ist eine Bedrohung für die deutsche Industrie“, warnte der Telekom-Chef. Erreichen will er dabei vor allem den deutschen Mittelstand. Bei großen Hyperscalern zähle Größe: Wer dreistellige Millionensummen für Cloud-Migration mitbringe, bekomme Rabatte. Die Hidden Champions in Deutschland – oft Weltmarktführer in Nischenmärkten – hätten diese Vorteile nicht. Die Preisstruktur der Industrial AI Cloud solle daher auch Mittelständlern gleiche Konditionen bieten. Konkrete Preise nannte Höttges nicht.
„Deutschland Stack“: Souverän, aber mit amerikanischen Chips
Das Herzstück ist der sogenannte „Deutschland Stack“, ein durchgängiger Technologie-Stack von der Hardware bis zur Anwendung, der höchste Ansprüche an Datenschutz erfüllen soll. Von den 35 Dienstleistern im Projekt kommen 34 aus Deutschland oder Europa, nur NVIDIA als Chip-Lieferant aus den USA. „Nvidia ist nicht der böse Amerikaner“, betonte Höttges, „sondern ein Weltkonzern, der ein Commitment abgegeben hat.“ Die Partnerschaft mit dem US-Konzern zeigt allerdings auch: Völlige technologische Unabhängigkeit gibt es nicht. Europa ist bei den leistungsfähigsten KI-Chips nach wie vor auf Importe angewiesen.
Auf der Software-Ebene setzt die Telekom auf die eigene T Cloud und die SAP Business Technology Platform als zentrale Middleware. „Wir wollen bis Ende 2026 eine europäische Cloud-Alternative schaffen, die mit globalen Hyperscalern gleichzieht“, sagte Ferri Abolhassan, Vorstandsmitglied der Telekom und CEO von T-Systems.
Die Anlage ist nach Angaben von Abolhassan bereits zu etwa 30 Prozent ausgelastet. Zu den ersten Kunden gehören Agile Robots, das seine KI-Modelle für intelligente Robotik trainiert, Siemens mit seiner Simulations-Software SIMCenter, PhysicsX für technische Simulationen und Perplexity für KI-basierte Suche.
Neben Industrieanwendungen setzt die Telekom auch auf Forschungsprojekte: Ein besonderes Projekt ist SOOFI (Sovereign Open Source Foundation Models): Die Leibniz Universität Hannover lässt auf der Plattform ein europäisches Open-Source-Sprachmodell mit rund 100 Milliarden Parametern entwickeln, das vollständig in Europa trainiert und betrieben wird.
Klare Forderungen an die Politik
Bei aller Euphorie stellte Höttges der Politik auch unmissverständlich klare Bedingungen für weitere Investitionen. „Wir sind keine Altruisten“, sagte er, „sondern ein knallhart aufgestelltes kommerzielles Unternehmen.“
Erstens: Klarheit bei der EU-Gigafactory-Ausschreibung. Die EU habe 20 Milliarden Euro Investitionen angekündigt, nun höre er andere Zahlen, so Höttges. Zudem müsse die zugesagte öffentliche Auslastung – die EU hatte versprochen, 17,5 Prozent der Kapazität selbst abzunehmen – verifiziert sein.
Zweitens: Der Staat müsse als Ankerkunde auftreten. „Ich bitte Bund und Länder, entsprechende Volumina Daten zu bündeln, damit wir Auslastung auch von der öffentlichen Hand bekommen.“
Drittens: Wettbewerbsfähige Energiepreise. Ein spezieller Industriestrompreis für KI-Rechenzentren sei notwendig, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.
Das Rechenzentrum wird vollständig aus erneuerbaren Energien betrieben
Quelle: Telekom
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil betonte die strategische Dimension: „Es muss unser Anspruch sein, dass wir nicht zum Spielball der Großmächte werden, dass wir in Europa stärker und souveräner werden – wirtschaftlich, technologisch und sicherheitspolitisch.“ Es sei der Anspruch der Bundesregierung, dass mindestens eine der fünf geplanten EU-Gigafactories nach Deutschland komme.
Ein Anfang – mit Bedingungen
„Für mich ist dieses Projekt eine Haltung“, sagte Höttges über die Münchner KI-Fabrik. „Eine Haltung, ob wir in unserem Land es schaffen, in diesem knallharten Wettbewerb dagegenzuhalten.“
Doch das sei erst der Anfang. Die Telekom will bei der EU-Ausschreibung für Gigafactories dabei sein – allerdings nur unter klaren wirtschaftlichen Bedingungen. Am Münchner Standort könnte die Kapazität verdoppelt oder verdreifacht werden. Für Investitionen von 8 bis 10 Milliarden Euro in künftige Gigafactories brauche es jedoch mehr Unterstützung vom Staat, machte Höttges deutlich. Ob Deutschland diese Chance nutzt, hängt davon ab, ob die Politik die Forderungen erfüllt. Die Telekom hat vorgelegt.