Elektronikhandel im Umbruch: Euronics schärft Strategie
Coolblue expandiert, Galaxus wächst, und mit JD.com könnte ein chinesischer Plattformriese künftig stärker in den europäischen Elektronikhandel drängen. Für Verbundgruppen wie Euronics verändert sich damit das Wettbewerbsumfeld spürbar. Auf dem Kongress der Kooperation im Rahmen der KOOP in Hannover ging es deshalb weniger um kurzfristige Marktimpulse als um eine grundsätzliche Frage: Welche Rolle kann der Fachhandel in einem zunehmend plattformgetriebenen Markt noch spielen?
Die wirtschaftliche Lage bleibt dabei angespannt. „So eine Situation habe ich in 30 Jahren Handelserfahrung noch nicht erlebt“, sagte Euronics-Vorstandssprecher Benedict Kober. Der Elektronikmarkt sei über einen ungewöhnlich langen Zeitraum hinweg rückläufig gewesen. Gleichzeitig sorgen Lieferprobleme bei Halbleitern und Speicherbausteinen in mehreren Produktkategorien für steigende Preise. „Das wird eine Challenge für eine Branche, in der bisher alles immer nur günstiger wurde.“
Auch bei Euronics selbst zeigt sich das schwierige Umfeld in den Zahlen. Im Geschäftsjahr 2024/25 sank der zentral regulierte Umsatz der Verbundgruppe um 2,9 Prozent auf rund 1,3 Milliarden Euro. Dennoch sieht sich die Organisation wirtschaftlich stabil und will weiterhin Rückvergütungen an ihre Mitglieder ausschütten.
Premium statt Preiskampf
Strategisch setzt die Verbundgruppe vor allem auf eine stärkere Konzentration auf hochwertige Produkte. Während große Plattformen und internationale Händler im preisgetriebenen Volumengeschäft dominieren, sieht Euronics die Rolle des Fachhandels vor allem im Premiumsegment. „Beim Box-Moving in den unteren Preisquartilen werden wir andere nicht outperformen“, sagte Kober. Die Stärke des Fachhandels liege vielmehr in Beratung, Service und hochwertigen Produkten.
Interne Auswertungen zeigen nach Angaben der Verbundgruppe, dass Euronics-Händler bereits heute in vielen Warengruppen höhere Durchschnittspreise erzielen als der Gesamtmarkt, etwa bei großen Fernsehern, Waschmaschinen oder Saugrobotern. Für Euronics ist das ein Hinweis darauf, dass Beratung und Service weiterhin einen messbaren Mehrwert schaffen können.
Um diese Positionierung zu stärken, will die Verbundgruppe ihre Vertriebsstruktur neu ordnen. Ein zentrales Element ist das Projekt „Kompass Blau“, mit dem unterschiedliche Geschäftsmodelle innerhalb der Kooperation klarer definiert werden sollen – vom klassischen Fachhändler mit Beratungsschwerpunkt bis zu stärker online orientierten Betrieben. „Mit Kompass Blau schlagen wir eine Richtung ein, mit der wir den Veränderungen im Markt begegnen wollen“, erklärte Vorstand Brendan Lenane. Ziel sei es, sowohl den Mitgliedern als auch der Industrie klarere Leitplanken für Vermarktung und Vertrieb zu geben.
Mehr Profil für Marke und Händler
Gleichzeitig soll die Marke Euronics im Vertrieb stärker sichtbar werden. Bestimmte Produkte sollen künftig gezielt über Händler vermarktet werden, die unter der Marke auftreten. Parallel plant die Kooperation exklusive Sortimente, die nur diesen Markenpartnern zur Verfügung stehen sollen. Damit will die Verbundgruppe sowohl ihre Markenpräsenz stärken als auch Herstellern eine klar definierte Plattform für die Vermarktung im Fachhandel bieten.
Mit dieser strategischen Neuordnung verbindet Euronics auch klare Erwartungen an die Industrie. Händler müssten heute teilweise erhebliche Teile ihrer Marge vorfinanzieren, etwa durch komplexe Bonusprogramme oder spätere Auszahlungen von Verkaufsanreizen. Solche Modelle belasteten die Liquidität vieler Fachhändler. Gerade in einem schwierigen Marktumfeld könnten Händler nicht dauerhaft große Teile ihrer Erlöse vorfinanzieren, hieß es auf dem Kongress.
Für Euronics geht es dabei nicht nur um Umsatz, sondern auch um Relevanz im Markt, und das sowohl für Kunden als auch für Hersteller. Die Kooperation will sich stärker als Plattform für Markenprodukte und qualifizierte Beratung positionieren.
Kooperationen sollen Reichweite erhöhen
Neben der strategischen Neuausrichtung sucht Euronics auch nach zusätzlichen Wachstumsmöglichkeiten. Eine Rolle spielen dabei neue Partnerschaften. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der Baumarktkooperation Hagebau, über deren Standorte künftig verstärkt Haushaltsgeräte vermarktet werden sollen. „Mit über 400 Standorten bietet sich hier ein erhebliches Potenzial“, sagte Lenane. Gleichzeitig könne die Kooperation helfen, weiße Flecken im Vertriebsnetz der Verbundgruppe zu schließen.
Parallel arbeitet die Kooperation auch an neuen Storekonzepten. Mit dem Projekt „XXL NXT“ stellte Euronics in Hannover ein weiterentwickeltes Fachmarktkonzept vor, das stationäre Märkte stärker als Erlebnis- und Serviceflächen positionieren soll.
Trotz der schwierigen Marktbedingungen sieht der Vorstand weiterhin Chancen für den Fachhandel. Rund 30 Prozent des Marktwerts im Elektronikhandel entfallen nach Einschätzung der Verbundgruppe auf Premiumprodukte. Genau in diesem Bereich liege die Kernkompetenz qualifizierter Händler. „Der Handel muss seine Rolle schärfen“, sagte Kober. Gerade in einem Markt, der zunehmend von Plattformen und großen Onlineanbietern geprägt wird, könnte qualifizierte Beratung weiterhin ein entscheidender Wettbewerbsvorteil bleiben.