Tim Höttges fordert auf der Digital X, die KI zu demokratisieren
Mehr als 6.000 Gäste waren dabei, als auf der Digital X der Telekom im Kölner Rheinauhafen auf zwei Bühnen, in Masterclasses und zahlreichen Experiences diskutiert und refelktiert wurde. Im Mittelpunkt standen die Themen: Künstliche Intelligenz, Cloud, Security und vernetzte Infrastrukturen – und vor allem die Frage, was daraus ganz konkret für Unternehmen entsteht. Bei der Kölschen Nacht mit den Sportfreunden Stiller und „Light Up the Sky“ über dem Rhein hatte die Veranstaltung auch noch einen stimmungsvollen Abschluss.
Tim Höttges formulierte auf der Digital X einen weitreichenden Anspruch für die Telekom. Das Unternehmen habe die Telekommunikation demokratisiert, jetzt werde man die KI demokratisieren. „Wir werden jetzt alles dafür tun, dass es KI für alle gibt“. KI solle nicht zum Privileg derjenigen werden, die über das meiste Kapital, die meisten Daten oder den besten Zugang verfügen. Dahinter steckt laut Höttges ein großer Technologieoptimismus: „KI ist für uns ein riesiges Geschenk.“ Gleichzeitig warnte Höttges vor Kontrollverlust, Sicherheitsrisiken und Abhängigkeiten. Die USA und China würden massiv in KI investieren, gleichzeitig werde die europäische Debatte zu stark von Skepsis, Sicherheitsbedürfnis und Zurückhaltung geprägt. Zum wichtigen Thema Digitale Souveränität sagte er: „Digitale Souveränität heißt nicht Deutschtum, sondern: Kontrolle über Daten, Prozesse und die Nutzung von Technologien. Das müssen wir wieder in die Hand bekommen.“
330 Milliarden Euro zusätzliche Bruttowertschöpfung: So groß ist laut Institut der deutschen Wirtschaft das Potenzial, wenn generative KI auf Deutschlands Industrie trifft. Auf der Digital X leitete NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst daraus einen klaren Auftrag ab: Europa muss technologische Abhängigkeiten reduzieren und seine digitale Zukunft selbst gestalten. Denn wer bei Daten, Clouds und Schlüsseltechnologien alles auf eine Karte setzt, riskiert Sicherheit und Handlungsfähigkeit. Mit Spitzenforschung, jährlich 40.000 MINT-Absolventen und Europas schnellstem Supercomputer sieht er Nordrhein-Westfalen dafür stark aufgestellt.
Cloud für den Mittelstand
Die Deutsche Telekom baut ihre AI Industry Cloud in München weiter aus. „Es gibt also richtig Nachfrage. Deswegen bauen wir natürlich jetzt weiter“, sagte T-Digital-Chef Maximilian Ahrens. Darüber hinaus sollen die verschiedenen Cloud-Angebote der Telekom künftig noch stärker auf den Mittelstand zugeschnitten werden. Kleinere Pakete und vorkonfigurierte Software sollen die Einstiegshürden senken. Cloud-Plattformen sind nach den Worten von Ahrens Teil eines größeren digitalen Fundaments für Unternehmen. Dazu gehörten neben Cloud auch Security und Vernetzung. Zugleich setzt die Telekom auf einen souveränen Betrieb: Fähigkeiten globaler Plattformen sollen in einem „souveränen Setup“ bereitgestellt werden – betrieben von der Deutschen Telekom in Deutschland.
Eine auf der Digtal X vorgestellte Studie der Telekom MMS und mind digital zeigt: Mehr KI-Budget bedeutet nicht automatisch mehr Erfolg. Entscheidend für den Return on Investment sind dagegen die richtigen Geschäftsprozesse, gute Daten und klare Governance. Besonders großes Potenzial sieht die Studie etwa bei Auftrags- und Rechnungsverarbeitung, Einkauf oder IT-Support. Der ROI-Kompass zeigt Unternehmen, wie sie erfolgreiche KI-Anwendungen identifizieren und skalieren können. „Wir sehen in Wirtschaft und Industrie unterschiedlichste Anforderungen an KI. Wichtig ist es dann für uns gemeinsam mit Kunden herauszuarbeiten, was das Ziel ist, um dann die passende KI und Anwendung zu finden, “ sagt Georg Schmitz-Axe, SVP Midmarket Deutsche Telekom Geschäftskunden GmbH.
Ein wichtiges Thema war auch Security: Künstliche Intelligenz verändert nach Einschätzung von Telekom-Sicherheitschef Thomas Tschersich vor allem die Geschwindigkeit von Cyberangriffen. „Die Bedrohungen im Kern sind eigentlich aus meiner Sicht die gleichen. Aber der Faktor Geschwindigkeit ist ein anderer geworden“, sagte Tschersich. Automatisierte Systeme könnten heute innerhalb kürzester Zeit große Mengen an Schwachstellen finden und angreifen. Die Zahl sogenannter DDoS-Attacken im Telekom-Netz sei zuletzt stark gestiegen. Vor einem halben Jahr habe man Kunden noch vor rund 3.000 Angriffe in der Woche gewarnt. Aktuell seinen es über 20.000. „Es geht exponentiell nach oben“, sagte Tschersich. Unternehmen müssten deshalb nicht nur Angriffe erkennen, sondern auch sicherstellen, dass im Ernstfall rund um die Uhr reagiert werden könne. Gerade kleinere und mittelständische Unternehmen verfügten häufig nicht über eigene Sicherheitsteams. Die Telekom will deshalb professionelle Cyberabwehr stärker für den Mittelstand verfügbar machen. „Wir haben versucht, hier Cybersicherheit zu demokratisieren“, sagte Tschersich.
Die KI und die Ethik
Der Historiker und Bestsellerautor Yuval Noah Harari hat in seiner Keynote vor den weitreichenden Folgen der rasanten Entwicklung Künstlicher Intelligenz gewarnt. KI sei nicht länger nur ein Werkzeug, sondern entwickle sich zu einem eigenständigen Akteur, sagte Harari. „KI ist kein Werkzeug, sondern ein Akteur“, sagte er. Ein solcher Agent könne Entscheidungen treffen, neue Ideen entwickeln und sich auf eine Weise weiterentwickeln, die selbst seine Entwickler nicht vollständig vorhersehen könnten. Besonders weitreichend seien die Folgen, weil KI zunehmend jene sprachbasierten Systeme beherrschen könne, auf denen moderne Gesellschaften beruhen. Banken, Rechtssysteme, Unternehmen und Staaten seien letztlich durch Sprache, Daten und bürokratische Prozesse organisiert, sagte Harari. KI werde deshalb zunehmend in Bereiche vordringen, die bislang von Menschen kontrolliert wurden. Und weiter: „Millionen von KIs, Millionen von KI-Bürokraten werden zunehmend Entscheidungen über unser Leben treffen.“
Angela Merkel forderte mehr Aufmerksamkeit für die gesellschaftlichen Folgen Künstlicher Intelligenz. Der Mensch müsse die Kontrolle behalten, große Tech-Anbieter stärker reguliert werden. Zugleich warnt die Ex-Bundeskanzlerin davor, KI vor allem als Bedrohung zu sehen. Angela Merkel sieht den rasanten Aufstieg Künstlicher Intelligenz auch als politische Ordnungsaufgabe. Im Gespräch mit der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel forderte sie Regulierung, mehr Transparenz der Tech-Unternehmen und internationale Zusammenarbeit. Ziel müsse sein, „dass der Mensch weiterhin Herr oder Frau über diese neue Technologie bleibt“. Besonders kritisch sieht Merkel den Umgang mit Daten. Bei der Frage, wie KI-Systeme mit Informationen aus aller Welt trainiert werden, sprach sie von einem „geistigen Enteignungsprogramm allererster Ordnung“. Gleichzeitig warnte sie vor einer Abhängigkeit von großen Technologieanbietern und davor, dass soziale Medien und Algorithmen die gemeinsame Informationsbasis der Gesellschaft verkleinern. Technikskeptisch gab sich Merkel dennoch nicht. „Wir werden damit leben müssen und es wird unser Leben verbessern“, sagte sie. Die Herausforderung bestehe darin, KI zu verstehen und sie sich „zu Diensten zu machen“. Bildung und die Fähigkeit zum eigenen Denken würden damit umso wichtiger.